Es war ein kalter Samstag Morgen und ich erwachte zu den Nachrichten ueber die Terroranschlaege auf Paris. Eine Mischung aus Beunruhigung und Entsetzen verwirrte meine Gedanken. Ich fuhr mein Fahrrad zur Probe und hielt vor der Wohnung meiner Freundin an fuer einen kurzen Kaffee. Als ich mein Fahrrad absperrte, sah ich hinauf und sichtete eine fuenfkoepfige Familie auf der gegenueberliegenden Strassenseite. Sie standen Seite and Seite, als wuerden sie auf einen Bus warten. Weit und breit war keine Bushaltestelle. Es war ein unueblicher Samstag Morgen, denn die Strassen schienen leer und es war aussergewoehlich still. Mein erster Instinkt war, wie ueblich, meine Hilfe anzubieten doch es war das erste Mal in meinem Leben dass eine kleine Stimme in mir sagte: "Nein". Ich stampfte diese kleine Stimme sofort mit Wucht in den Boden, denn mir war klar, dies war nicht meine Stimme sondern die Stimme einer Angst...Ich naeherte mich der Familie und bat meine Hilfe an. Keiner von uns war sich damals bewusst, dass wir in diesem Moment eine gemeinsame den Beginn einer unendlichen Geschichte schreiben wuerden.
Die Familie Rasoul war obdachlos als wir uns trafen. Eine fuenfkoepfige Kurdisch-Syrische Familie, bestehend aus Mutter, Vater und drei Kindern. Sie waren aus Aleppo, der groessten Stadt in Syrien, welche seit dem Beginn des Syrischen Krieges in 2011 zwischenhaltlos zerstoert wurde.
Sie sahen muede aus und doch waren sie umgeben von einer sonderbaren Ruhe die mir fremd war. Keiner sprach Deutsch noch Englisch. Ein Mann der sie begleitete und bruechig Deutsch sprach, erzaehlte mir dass die Familie in Traiskirchen war doch von dort weggeschickt wurde ohne Informationen darueber wo die Familie Unterkunft finden koennte. Er erzaehlte mir dass sie mit dem Zug nach Wien gefahren sind und dass sie die letzte Nacht im Park uebernachtet hatten.
Ich blickte den das juengste Kind an. Diar war gerade mal elf Jahre alt. Er hatte Augen die zu viel gesehen hatten. Vielleicht war es genau das was diese sonderbare Ruhe zur Folge hatte. Nichts konnte sie mehr erschuettern.
Ich begleitete die Familie zum Kurier Gebaeude in der Lindengasse welches in unmittelbarer Naehe war. Ein ehemalige Zeitungsredaktion welche in ein Fluechtlingslager umgewandelt wurde. Wir wurden weggeschickt da die Familie schon im Besitz der "weissen Karten" war und mir wurde vermittelt dass das Kurier Gebaeude nur fuer Erstankoemmlinge sei. Zu diesem Zeitpunkt, hatte ich keine Ahnung was eine "weisse Karte' ueberhaupt sei oder wozu sie diente. Mir wurde ans Herz gelegt die Familie ins Dusika Stadion zu bringen. Ich ruf dort an um nachzufragen ob die Familie dort auch tatsaechlich untergebracht werden wuerde, doch die Person am Telefon kannte sich nicht aus und wusste auch Nichts von einer Fluechtlingsunterkunft im Stadion. Ich solle doch bitte am Montag wieder anrufen.
Da ich im Kurier Gebaeude schon als Freiwillige ausgeholfen hatte, wusste ich dass im letzten Stock eine temporaere Polizei Station aufgebaut war um Erstankoemmlinge aufnehmen zu koennen. Somit lief ich hinauf. Ausser Atem und in Eile versuchte ich einen Polizisten um Rat zu fragen wo die Familie denn uebernachten koennte. Obwohl er irrsinnig nett war, konnte auch er mir nicht helfen. Ich lief wieder hinunter und sah die Familie an. Ich brauchte etwas Zeit um das Problem zu loesen. Somit entschied ich mit der Familie ins Cafe Europa zu gehen.
Es war circa 09 Uhr als wir im Europa sassen und Kaffee und Tee tranken. Meine Gedanken kreisten herum. Ich wollte eine Loesung finden. Da es Samstag war, konnte ich keine Behoerden erreichen. Online konnte ich nicht fuendig werden. Mein Ruecken verursachte mir Schmerzen vor lauter Druck. Es kam nicht in Frage dass diese Familie noch einen Tag im Park schlaeft und ich hatte das Gefuehl dass es gerade in diesem Moment an mir lieg ob dies eintreffen wuerde oder auch nicht.
Ich rief Roberta Rastl von der Diakonie an der ich auch seit Sommer immer wieder freiwillig Texte auf Englisch uebersetzt hatte. Ich entschuldigte mich fuer den fruehen Anruf an einem Samstag morgen, erzaehlte ihr von der Situation und dass es sehr dringend sei dass die fuenf einen Schlafplatz finden. Sie hoerte mir geduldig zu und meinte sie muesste ein paar Anrufe taetigen und wuerde sich bei mir in einer halben Stunde mit Neuigkeiten melden. Eine halbe Stunde spaeter rief sie mich an mit wunderbaren Neuigkeiten. Sie hatte einen Schlafplatz fuer die Rasouls gefunden in der Pfarre Vorpark Schoenbrunn. Der Unterkunft wuerde Freitag schliessen und bis auf die Rasouls war nur eine weitere Familie vor Ort aus Irak. Die Rasoul's koennten dort ausnahmsweise bleiben, allerdings muesste ich versprechen dass ich sie auch am Freitag abhole. Das versprach ich gerne denn Roberta hatte sich soeben fuer die Familie eingesetzt und die Entscheidung basierte auf Vertrauen.
Ich war unglaublich erfreut. Meine Rueckenschmerzen liessen langsam nach. Wir verliessen das Kaffehaus und ich organisierte ein Taxi fuer die den Vater, die Begleitung und mich. Ebenso rief ich meine Freundin Agnes an die auch auf der Lindengasse wohnt und bat sie Mutter und drei Kinder zur Pfarre zu fahren.
Wir trafen uns vor Ort. Es war eine bescheidene, saubere, ruhige und liebenswerte Unterkunft. Es gab Matratzen, Duschen, Kleidung, Schuhe, Spiele usw. Die Irakische Familie haben wir gleich kennengelernt und auch sie waren sehr liebe Menschen. Ich war so dankbar, gluecklich und erleichtert da die Familie Rasoul nun nicht im Park uebernachten musste. Dies war mein erster Erfolg und auch mein erster Kampf - unwissend dass der groesste Kampf mir noch bevor stand.
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