Als ich Samstag die Familie Rasoul kennenlernte, habe ich, mit ihrer Zustimmung, einen Post auf Facebook veröffentlicht und mein soziales informiert und um Hilfe gebeten indem ich über die Familie und ihrer Situation berichtet habe - eine Wohnung für die Rasouls und Übersetzer. Da Shamse schon vor einem Jahr in Österreich angekommen war und einen positiven Asylbescheid hatte, durfte sie die Mindestsicherung in Anspruch nehmen welches ihr ein Gehalt von ungefähr 800 Euro pro Monat sicherte. Vater und drei Kinder waren erst vor ein paar Tagen angekommen zwecks Familienzusammenführung. Ihr Antrag war zwar gestellt, aber Mindestsicherung bekamen sie noch nicht. Die Mindestsicherung von Shamse war somit das einzige Einkommen der fünfköpfigen Familie. Dennoch war ich mir sicher dass sich eine Wohnung finden würde die ihrer finanziellen Situation gerecht werden könnte. Somit begann ich Wohnungen online zu suchen.
Sonntage in Österreich sind nicht wirklich Teil der Woche da Sonntage als dies dominica bezeichnet werden - der Tag des Herren. Die Zeit tickte. Es gab genau vier Werktage um eine Wohnung zu finden. Der fünfte Tag war schon Freitag, der Tag an dem die Pfarre, in welcher sie untergebracht waren, schließen würde. Ich musste sie spätestens zu Mittag abholen.
Mein netzwerk auf Facebook teilte meine Posts. Ich sprach mit Freunden und Familie und versuchte diese Notsituation soweit wie möglich zu verteilen. Ich recherchierte und telefonierte ununterbrochen. Ich schickte solch eine Anzahl von Emails aus an Privatpersonen die Wohnungen zur Verfügung hatten sowie auch an Immobilienmaklern die Inserate online hatten - ich fühlte mich als wäre mein Nachname Spam. Obwohl es wunderbar war dass ich meine Ressourcen hatte, realisierte ich schon an diesem ersten Montag dass es sehr schwer werden würde eine Wohnung am Markt zu finden. Ich bekam nur negative Antworten. Obwohl es mehr als genug Wohnungen gab, wollte niemand einer syrischen Flüchtlingsfamilie als Mieter und man genierte sich auch nicht mir das direkt zu vermitteln. Ich liess dennoch nicht locker und war überzeugt dass wenn ich die Neuigkeiten weit genug verbreiten würde, sich eine positive Antwort finden würde.
An diesem Montag besuchte ich die Rasoul´s in der Pfarre gemeinsam mit einem wundervollen jungen Mann namens Mohammad. Mohammad ist Syrer/Österreicher und wir hatten uns sicherlich schon mehr als 15 Jahre lang weder gesehen noch gehört. Er lebt und arbeitet zur Zeit in Jordanien und machte gerade Ferien in Wien. Er hatte meinen Eintrag auf Facebook gelesen und hatte sich prompt gemeldet und mir seine Hilfe als Übersetzer angeboten.
Es war dank seiner gütigen Hilfsbereitschaft dass wir an diesem Tag unsere erste Konversation haben konnten und ich mehr über die Rasoul´s erfahren durfte. Die Rasoul´s waren aus Aleppo, der grössten Stadt in Syrien. Der syrische Krieg und der Kampf in Aleppo resultierte in erheblicher Zerstörung der Stadt. Die Familie war gezwungen umzuziehen und innerhalb Syriens zogen sie mehrmals von einer Stadt in die Nächste in der Hoffnung innerhalb ihres Heimatlandes einen friedlichen Ort zu finden für einen Neustart. Doch der Frieden blieb aus und der Krieg breitete sich immer mehr aus was dazu führte dass die Familie sich spalten musste. Die Mutter flüchtete nach Österreich vor einem Jahr. Der Vater blieb mit den drei Kindern zurück um sie zu schützen und zu verstecken sodass sie nicht rekrutiert werden konnten.
Die Rasoul´s haben drei Kinder: die Älteste, Helz, die in bald 18 Jahre alt wird, eine schöne, junge und kluge Frau. Mohamad-in-the middle, ist der Mittlere. Vierzehn Jahre alt und seinem Alter entsprechend cool. Und zuletzt Diar, der Jüngste, 11 Jahre alt und schon mit dem Charme eines jungen Marlon Brando´s ausgerüstet. Diar sprach zuerst nicht mit mir. Er sah mich, nickte und gab mir immer wieder ein halbes Lächeln. Ich machte mir Sorgen um ihn und hoffte dass eines Tages zu mir sprechen würde.
Während unseres ersten Gespräches mit Mo, dem Übersetzer, versicherte ich der Familie dass ich an ihrer Seite bleiben würde, dass sie auf mich zählen konnten wie Familie. Im nachhinein, denke ich mir dass es sicher schwer war mir das auch zu glauben da ich einfach ein Fremder war. Damals habe ich keinen Gedanken daran verschwendet. Mir war dies klar vom ersten Tag an dass ich nicht von ihrer Seit weichen würde. Ich hatte meine Entscheidung ihnen zu helfen gefällt und ich wollte mein Bestes geben. Ich war mir bewusst dass es die Möglichkeit gab zu misslingen, doch das Risiko war es mir wert. Ich glaubte und glaube immer noch fest daran dass man als "Guardian" (Vertrauensperson, Buddy ect) für eine Flüchtlingsfamilie, für Menschen die ihr Heim und ihre Heimat verloren haben, positive Veränderungen hervorbringen kann die sich auf die Flüchtlinge aber auch auf das eigene Leben auswirken.
Ich machte eine To-Do Liste für uns, fotografierte ihre Dokumente und machte Notizen damit wir ihre Situation Stück für Stück verbessern konnten. Ich hatte auch schon eine Generalvollmacht verfasst und ausgedruckt damit ich in ihrem Sinne agieren durfte. Da ich noch nicht einmal wusste wo und wann ich in ihrem Namen agieren müsste, entschied ich mich für die Generalvollmacht. Diese war auch nur bis Ende Dezember 2015 gültig. Mo erklärte ihnen was die Generalvollmacht sei und ich meinte auch dass wenn sie Ende Dezember mit meinen Diensten zufrieden wären, wir diese auch verlängern können. Auf meine Aussage hinaus, lachten wir alle.
Nummer eins auf meiner To-Do Liste war ihnen eine Wohnung zu finden. Nummer zwei war die Kinder in die Schule zu schicken. Beides ging Hand in Hand.
Ihre Bescheidenheit liess mich nicht kalt. Die Pfarre hatte mehr als genug Kleidung, Jacken, Schuhe usw. die gespendet waren zur Verfügung und dennoch lehnten sie höflich ab.
Shamse ist eine junge, fürsorgliche, starke Löwenmutter. Sie ist unbeschreiblich mutig und ich erwarte voller Freude den Tag an dem wir uns zusammensetzen können und sprechen können über ihre Erfahrungen und ihrer Geschichte. An diesem Abend lud sie uns zum Abendessen ein. Es ist mir immer noch ein Rätsel wie und wo sie Essen besorgt hat. Sie benutzte die Küche der Pfarre und alle halfen mit. Es ist tatsächlich für mich, die selber aus dem Nahen Osten kommt, das grösste Rätsel: die Gastfreundschaft - komme was wolle.
Von links nach rechts: Shamse, Abdelaziz, Diar, Mohamad, Helz und meine Wenigkeit.
Unser erstes gemeinsames Abendessen zubereitet von der wunderbaren Shamse.


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