Friday, February 19, 2016

Tag 18 - Die Wohnungssuche geht weiter - 1.Dezember

Ich traf Shamse und Abdelaziz um 08 Uhr vor der Caritas Zweigstelle in der Mariannengasse im 9ten Bezirk für ihren Termin mit ihrer Beraterin. Es war solch einer Erleichterung dass ein Übersetzer vor Ort war und dass wir nicht in der Schlange draussen warten mussten. Frau Beck, die Beraterin der Rasoul's, informierte uns darüber dass sie für die Grundversorgung des Vaters und der drei Kinder eingereicht hätte. Zur Zeit lebte die fünfköpfige Familie von 827 Euro im Monat, der Mindestsicherung, die Shamse vom Staat erhielt da sie einen positiven Asylbescheid hat und somit einen rechtmäßigem Aufenthalt. 

Die Grundversorgungsleistung hängt davon ab ob man in einer betreuten Unterkunft oder privat wohnt. Je nachdem erhält man verschieden Zuschüsse. In einer betreuten Unterkunft erhält man pro Person Verpflegung/Lebensmittel oder Verpflegungsgeld im Wert von € 5,- pro Tag und monatliches Taschengeld von 40 Euro. Wer privat wohnt, erhält:

-als Einzelperson einen Mietzuschuss von maximal 120,- pro Monat*
-als Familie einen Mietzuschuss von maximal 240,- pro Monat*
-Verpflegungsgeld für Erwachsene von maxinmal € 200,- pro Person und Monat *
-Verpflegungsgeld für Minderjährige von maximal € 90,- pro Person und Monat *
-Verpflegungsgeld für unbegleitete Minderjährige von max. € 190,- (wohnhaft bei Verwandten oder bei Privatpersonen in Wien)

Hinzu kommen Bekleidungshilfe, Schulbedarfsgutscheine, Krankenversicherung und dergleichen. 

Ich hatte Eva und Stephan den Mietzuschuss angeboten für anfallende Kosten wie Strom, Gas und Wasser. Sie hausten die Rasoul's freiwillig bei sich zuhause und diese Kosten würden definitiv ansteigen. Leider konnten die Rasoul's nicht für den Mietzuschuss ansuchen da Eva und Stephan Eigentümer waren und der Mietzuschuss nur im Falle von Vermietern angesucht werden kann

Stephan und Eva ware der Mietzuschuss nicht wichtig. Sie schätzten das Angebot dennoch sehr doch versicherten mir dass sie glücklich waren den Rasoul's helfen zu können.

Frau Beck hatte auch um die Versicherung angesucht für den Vater und den drei Kindern. Die Versicherung war äusserst wichtig. Ich wusste dass die Rasoul's eine Zeit lang unterwegs waren. Ein kompletter Gesundheitscheck, Blutabnahme und ein Besuch zum Zahnarzt oder anderen Spezialisten war auf jedenfall notwendig. 

Ich erhielt eine Nachricht von meiner Freundin Agnes die Immobilienmaklerin ist. Oft hatte ich ihr schon berichtet von der Ungerechtigkeit und der Unmenschlichkeit am Wohnungsmarkt in Österreich, dass Eigentümer und Makler erwachen mussten und sich anpassen mussten an die neue Situation. Nun rief Agnes mich an und berichtete mir von einer Einzimmer-Wohnung die durch ihre Firma zu haben wäre - ohne Kaution und ohne Provision. Ja, die Wohnung war definitiv zu klein für fünf Personen. Doch zur Zeit war sie die erste und einzige Option. 

Obwohl Eva und Stephan angeboten hatten die Rasoul's im Notfall auch länger zu beherbergen, war ich der Meinung dass es für alle Beteiligten von Vorteil wäre wenn die Rasoul's ihre eigenen vier Wände hätten. Vor allem wenn man bedenkt dass es extrem schwer war jemanden zu finden der sie als Mieter akzeptieren würde. Ich hatte jeden Tag bis jetzt mit Maklern, Priestern, diversen Kirchen, Freunden und etlichen Organisationen gesprochen. Ich hatte die Geschichte der Rasoul's mehrmals auf social media Kanälen gepostet - vergeblich. Ich erhielt sogar eine Email einer Freundin von einem Herrn der eine Wohnung "anbat" für Flüchtlinge. Die Dreizimmer-Wohnung war im 21ten Bezirk, weit von der Innenstadt entfernt, nicht einmal in der Nähe von einer Ubahn Station und er hatte die Verwegenheit 1150,- zu verlangen. Die Wohnung war nicht nur über dem Marktwert, sie war schlicht und einfach kein "Angebot" da sie nicht leistbar für Flüchtlinge ist die zu fünft von € 827,- leben. 

Somit machten wir einen Termin aus um die Einzimmer-Wohnung im 6ten Bezirk zu besichtigen. 

Nach dem Besuch bei der Caritas, gingen die Rasoul's nachhause zu Eva und Stephan und ich ging in die Arbeit. Wir machten uns einen Termin für ein grosses Gespräch am Abend aus. Da Mo, mein Freund aus Jordanien und Übersetzer nicht mehr in Wien war, fragte ich Nora, die er mir empfohlen hatte, mich an dem heutigen Abend doch bitte zu begleiten. Sie sagte zu und ich freute mich sie auch an Board zu haben. 

Wir trafen uns um 19 Uhr bei Eva und Stephan. Ich hatte mir eine Liste zugelegt mit Themen die wir besprechen mussten. Sehr wichtige Themen wie die nahe gelegene Zukunft, die Wohnungssuche und die Zukunft von Helz, dem ältesten Kind, die mit 17 Jahren nicht mehr schulpflichtig war.

Helz hatte mir immer wieder links zu Wohnungen geschickt. Und obwohl ich es toll fand dass sie auch nach Wohnungen suchte, war es mir aufgrund der Sprachbarriere nicht möglich gewesen ihr zu erklären dass das Problem nicht an einem Wohnungsmangel lag. Da ich kein Arabisch spreche, konnte ich ihnen nicht von den täglichen Ablehnungen erzählen. Doch Nora sass mit mir am Tisch und ich hatte endlich die Möglichkeit zu sprechen. 

Alle Wohnungen die Helz gefunden hatte und all die die ich gefunden hatte, durften wir einmal Besichtigen. Die Mehrheit der Wohnungen war via Maklern inseriert und gleich mit wem ich sprach und die Situation schilderte, bekam ich nur folgendes zu hören: "Keine Syrer", "Keine Flüchtlinge" - jeden Tag. Es war wirklich frustrierend. Ich versuchte sogar immer wieder sie zur Vernunft zu bitten. Tausende Flüchtlinge brauchten ein Zuhause, tausende Kinder mussten in die Schule und diese zwei Komponenten waren aneinander gekoppelt. Sich dann in ein paar Jahren
über nicht-integrierte Flüchtlinge aufzuregen, würde Nichts bringen, denn heute weigerte man sich sie zu integrieren. 

Dass es immer kalter wurde, machte das Thema Wohnen noch wichtiger. Manche schliefen immer noch auf den Strassen oder in Parks und dennoch scherten sich Makler und Eigentümer einen Dreck um was um sie herum passierte. Andere wiederum hörten mir zwar zu, doch sie zogen es vor nicht Partei zu ergreifen und sich nicht einzusetzen. 

Nora übersetzte alles für mich mit einer Engelsgeduld. Es war ein schweres Thema, eines dass mir unendlich unangenehm war da ich mich für die Österreicher schämte die sich weigerten Flüchtlingen eine Wohnung zu vermieten. Der Wohnungsmarkt musste sich rasch adaptieren, aber die meisten Menschen waren nicht soweit. Flüchtlinge durften somit in ein Land dass im politischen Frieden lebte, mussten aber damit rechnen eventuell obdachlos zu werden. Wie konnte das nur sein?

Shamse bekam die monatliche Mindestischerung doch die wurde nicht als Einkommen akzeptiert. Ich konnte nicht einmal Bürgen da die Eigentümer einfach keine Flüchtlinge hausen wollten. 

Somit gab es nur eine Lösung: Geld anzubieten. Ich hatte alle Kosten die voraus im regulären Fall zu zahlen wären, wie zB Provision und Kaution, angeboten und sogar mehr. Bis zu 4000,-. Als auch das Nichts brachte, war eindeutig klar dass das Land ein enormes Problem hatte. Viele Einwohner wollten die Situation nicht akzeptieren. Die Flüchtlinge waren nicht für einen Urlaubsaufenthalt hier. Im Idealfall würden sie hier bleiben und ein neues Leben hier beginnen, ca.50-80 Jahre wenn es um diese Generation geht. Flüchtlinge bei etwas so grundlegendem wie einer Wohnung vehement anzufechten, ist nicht nur unbarmherzig und gegen die Menschlichkeit, es ist auch kontraproduktiv und auf lange Sicht gefährlich denn wer einem Menschen kein Recht auf Menschlichkeit gibt, macht ihn unmenschlich. Frustration, Schmerz und vielleicht sogar Hass, können die Folgen sein. Ein Zuhause ist wo das Leben beginnt. 

Shamse, Abdelaziz und die Kinder lauschten. Es gab nun zwei Optionen: die Einzimmer Wohnung in Wien, zentral gelegen dafür sehr klein, oder ein Haus in Oberösterreich welches Eva´s Bekannten gehörte, weiter draussen dafür bat es mehr Platz an. Zweiteres musste zuerst einmal genehmigt werden. Die Familie würde sich die Wohnung im 6ten Bezirk in Wien besichtigen und sich dann entscheiden.

Wir wechselten dann zum Thema Helz. Ich erzählte ihnen vom Schulsystem in Wien und schlug vor dass es am Besten wäre wenn Helz einen Deutschkurs besucht der auch Zertifikate anbietet. Somit könnte Helz nach Abschluss einer bestimmten Stufe zur Universität oder auf eine Fachhochschule usw. Ich pochte auf die Bildung und ihrer Wichtigkeit für eine gute, stabile Zukunft. Die Kinder mussten besser sein als der Durchschnittsösterreicher da sie es um einiges schwerer hatten. Abdelaziz hatten nur den Wunsch ein Zuhause zu haben. Das war das Wichtigste vorerst, was ich natürlich verstand und nachvollziehen konnte. Nach 2,5 Stunden reden und Nora´s unendlicher Geduld beendeten wir das Gespräch. 

Nora und ich verliessen die Wohnung gleichzeitig. Ich war komplett ausgelaugt. Ich wollte so schnell wie möglich nachhause und mich ausruhen. Alles was ich mir wünschte, war eine Wohnung für die Rasoul´s damit sie sich endlich entspannen konnten, ihre Hoffnungen wieder aufbauen und Kraft schöpfen für die Zukunft. 

Der 1.Dezember war somit ein harter Tag. Um es besser zu verbildlichen, schickte ich Freunden an dem Tag die mich fragten wie es mir gehen würde, folgendes Bild. 



 

 



* Für 2016 sind Erhöhungen geplant. 

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