Jetzt, da die Rasoul´s bei Eva und Stephan wohnen durften, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Mein Morgen begann um 06:20 Uhr. Ich holte die Rasoul´s um 07:30 Uhr ab: beide Eltern und die zwei jüngsten Kinder, Diar und Mohamad, die noch schulpflichtig sind, und wir gingen zum Meldeamt.
Das Magistrat öffnet um 08 Uhr seine Pforten und wir waren die Ersten vor Ort und kamen somit gleich dran. Shamse hatte alle Dokumente mit. Da es nun immer mehr Dokumente gab, hatte ich ihr mehrere Mappen mitegebracht um diese auch ordnen zu können.
Ich hatte schon im vorhinein fünf Meldezettel ausgedruckt, ausgefüllt und von allen Rasoul´s sowie auch Stephan, der Unterkunftgeber, unterschreiben lassen. Die Mitarbeiterin vor Ort sagte mir allerdings dass Kinder unter 18 Jahren nicht unterschreiben mussten sondern nur die Eltern. Das wurde dann schnell gerichtet und einen Moment später hatten wir die neuen Meldezettel. Ich kann gar nicht oft genug betonen wie wichtig ein Meldezettel für Flüchtlinge ist. Abgesehen von einem Wohnort, bietet er Kindern die Möglichkeit in einer Schule aufgenommen zu werden. Des weiteren ist das Meldesystem an das Postsystem gebunden, d.h. Briefe bezüglich Asylstatus würden die Rasoul´s auch gleich erhalten.
Kaum hatten wir die Meldezettel, gingen wir einen Stock weiter hinauf zur Abteilung welche für die Schulanmeldung zuständig ist. Ich übergab der Mitarbeiterin die weissen Karten der zwei Kinder und ebenso die frisch gedruckten, neuen Meldezettel. Beide Kinder wurden an ein und dieselbe Schule zugeteilt, 5 Gehminuten von ihrem Wohnort entfernt. Die Schuldirektorin wurde sofort angerufen und informiert. Sie erwartete uns.
Wir gingen raschen Schrittes zur Schule. Es war das erste Mal in sehr, sehr langer Zeit dass ich bei der Schuldirektion war. Frau Ernst war irrsinnig freundlich und warmherzig. Es wurden Kopien der Dokumente gemacht und sie informierte uns darüber was die Kinder vorerst benötigen würden, wie z.B. Hausschlapfen, Turngewand sowie Turnschuhe. Diar konnte am nächsten Tag beginnen und Mohamad am darauffolgenden Montag.
Als wir das Schulgebäude verliessen, rannte Shamse zum Supermarkt und kam mit einer entzückenden Tafel Schokolade für mich zurück. Die Familie war unendlich dankbar und aufgeregt - mir ging es nicht anders. Shamse und Abdelaziz lachten und scherzten auf dem Heimweg mit den Kindern herum. Obwohl ich kein Wort verstand, waren ihre Körpersprachen und die Art und Weise wie sie sich ansahen unmissverständlich - sie waren wirklich glücklich. Mein Herz hüpfte auf und ab vor Freude.
Ich setzte sie zuhause ab und fuhr in die Arbeit. Dort rief ich die Firma Securitas an welche Shamse und Abdelaziz, auf ihrem Weg von Trasikirchen nach Wien im November, zwei saftige Strafen für das Schwarzfahren verpasst hatte. Shamse und Abdelaziz wurden in Traiskirchen nicht aufgenommen und hatten sich entschieden nach Wien zu fahren. Da sie weder Deutsch noch Englisch sprachen, endeten sie mit einer 100 Euro Strafe pro Person!
Die Betreuerin der Caritas hatte der Firma zwar ein Schreiben per Fax gechickt, dies ging allerdings nicht durch. Ich scannte die Generalvollmacht und schickte die Aktenkennzahlen mit der Bitte um Kulanz, per Email weiter. Zwei Wochen lang kam keine Rückmeldung. Als ich dann erneut die Email schickte, bekam ich eine prompte Rückmeldung: beide Strafen wurden storniert.
Ich rief auch wieder einmal beim BFA an, in der Hoffnung Neuigkeiten bezüglich des Asyl-Status von dem Vater, Abdelaziz, und der drei Kinder zu bekommen. Ihre Dokumente waren auf dem Weg von Graz nach Wien und ich wurde gebeten in einer Woche erneut anzurufen. Durch meine Internet Recherchen, stoss ich auf einen Artikel der besagte dass weisse Karten dem BFA retourniert werden mussten sobald ein Konventionspass ausgestellt wurde. Auch das erfragte ich beim BFA und ja, Shamse musste ihre weisse Karte retournieren. Ich fügte es zu meiner To-Do Liste.
Nach der Arbeit, beschloss ich zum Müller zu gehen der eine Bastelabteilung beherbergt. In Österreich ist es Tradition Kindern an ihrem ersten Schultag eine Schultüte zu überreichen die bis oben hin mit Süssigkeiten gefüllt ist. Zwar war es nicht Diar's erster Schultag, doch es war sein erster Schultag an einer österreichischen Schule und er hatte sich eine Schultüte verdient. Ich googelte wie man eine Schultüte bastelt - schliesslich war die Tüten-Saison schon vorbei. Ich kaufte genug blaue Pappe für beide Kinder, orangenes und gelbes Crepe Papier und natürlich haufenweise
Süssigkeiten sowie ein Federpenal, Bleistifte, Radiergummi, Spitzer usw.
Zuhause ging es dann ran ans Basteln. Dies war die erste Schultüte die ich je gebastelt hatte. Der erfreulichste Teil und auch der einfachste, war es die Tüte zu füllen. Ich war etwas aufgeregt da sie lustig aber auch cool aussehen sollte. Tony meinte dass es den Kindern vielleicht peinlich wäre - schliesslich waren die Jungs schon 11 und 14 Jahre alt. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht. Es mir nur vorzustellen, beleidigte mich fast. Dennoch entschied ich mich es zu versuchen da ich, ehrlicherweise, stolz auf mein Wunderwerk war. :) Ich hatte sogar einen goldenen Stift erworben mit dem ich Diar's Namen ganz gross auf die Schultüte schrieb und ich malte auch ein paar Herzen, Sonnen und Friedenszeichen. Die fertige Tüte sah ganz gut aus, wenn auch um einiges grösser als erwartet. Tony freute sich auch. Ich schrieb Shamse noch per Google Translate eine Nachricht dass ich sie am kommenden Morgen um 07:30 Uhr abholen würde um Diar in die Schule zu bringen.
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