Thursday, February 4, 2016

Tag 5 - Und täglich grüsst das Murmeltier... - 18.November

Mittlerweile fühlte ich mich wie Phil Connors von "Täglich grüsst das Murmeltier". Da ich bis jetzt keine Rückmeldungen bezüglich einer Wohnung für die Rasoul´s erhalten hatte, geschweige denn eine positive Rückmeldung, fühlte ich mich als würde ich den ein und den selben Tag immer wieder leben. Der Unterschied zwischen Phil Connors und mir war lediglich dass ich es sich bei mir nicht um das selbe Datum handelte. Ich lebte ein und denselben Tag wieder, doch die Zeit verging. Ich hatte noch einen Tag um den Rasoul´s eine Wohnung zu finden. Ich war besorgt und gestresst. Ich wusste nicht wie ich an diesem Abend einen tollen Gastgeber von mir geben sollte und erwartete die Rasoul´s und Mo um 19h und im Hinterkopf das Bewusstsein dass ich keine positiven Neuigkeiten für sie hatte. 

Tony und ich beschlossen das Menü: Ofen gegrillte Putenbrust in Kräutermantel, gegrillte Paprika und Zucchini, Basmati Reis und gemischter Salat. 
Ich beschloss einkaufen zu gehen da Tony noch in der Arbeit war. Mein nahöstliches Kulturerbe wurde gekonnt untermauert als ich für 16 Gäste kochte obwohl ich 8 erwartete. Ich verliess den Supermarkt mit über 2 Kg Putenbrust, 2 Kg Gemüse, 1 Kg Reis, einem riesengrossen Salat, Gurken, Tomaten und Eiscreme. 

Ich war so vertieft in Gedanken, dass ich mich plötzlich wieder in meiner Küche wiederfand. Die Zeit verflog während ich kochte und drei Stunden zogen an mir vorbei...Ich holte die Rasoul´s von der Pfarre ab und wir nahmen ein Taxi zu meiner Wohnung. Die Rasoul´s dankten mir jeden Tag so oft und ich wurde jedesmal rot. Ich lächelte und sagte immer: "Familie."

Das Leben weiss wie es einen heruasreissen kann aus der Gedankenwelt. Kaum betraten wir das Gebäude in dem sich meine Wohnung befindet, entgegnete uns ein furchtbarer Gestank. Ich war natürlich nicht die Einzige die es bemerkte. Irgendjemand in unserem Gebäude badete sich dem Anschein nach in Kohl und ich war es mit Sicherheit nicht. Ich war so unglaublich beschämt. Ich, die verzweifelt versuchte ihnen eine Wohnung zu finden, lebte in einem Haus in dem es genau an diesem Abend nach Kohlbad stank. Wir lachten als wir meine Wohnung betraten. Wahrscheinlich die Erleichterung dass es tatsächlich nicht aus meiner Wohnung kam. 

Ich hatte keine Ahnung was die Rasoul´s sich dachten. Mo war etwas verspätet und versuchte mich wieder an Google translate Deutsch-Englisch. Kurze, einfache Sätze, dachte ich, wären einfach zu übersetzen. Wie falsch ich lag, fand ich erst viel später heraus. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Helz, das älteste Teenages Mädchen, konnte leider nicht zum Abendessen erscheinen da es ihr nicht gut ging. Tony bot Diar und Mohamad an X Box zu spielen und ich schaltete meinen Laptop ein und klickte auf Youtube. Ich bat Abdelaziz sich Musik auszusuchen und er spielte uns kurdische Lieder vor. So sasen wir beisammen, die zwei Kinder am X Box spielen und wir lauschten der kurdischen Musik. Hin und wieder versuchten wir mit Google translate zu kommunizieren. 

Es war eine Erleichterung als Mo ankam. Wir konnten endlich wieder kommunizieren! Das Abendessen war ein voller Erfolg und ja, es war viel zu viel. Nach dem Abendessen, schlich sich Shamse in die Küche und machte sich daran Geschirr zu waschen. Ich verliess rasch meinen Sitzplatz und rannte Richtung Küche um sie davon abzuhalten. Doch Abdelaziz zog einen Stuhl zwischen mir und die Küche. Ich lachte während ich verzweifelt versuchte um den Sessel zu laufen. Es war unglaublich dass die zwei tatsächlich mit allen Mitteln versuchten mich von der Küche fern zu halten nur um mir entgegen zu kommen. Als ich es endlich schaffte die Küche zu betreten, bat ich Shamse mehrmals vom Geschirr abzulassen. Wer aus dem Nahen Osten ist oder jemals dort zu Gast war, weiss dass dieses hin und her ewig dauern kann. Wer nachgibt, verliert.  Somit ich wiederholte ich "Bitte stop" und sie sagte "OK" und waschte munter weiter. Irgendwann nahm sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und sagte "Familie". Das war´s. Sie hatte eindeutig gewonnen. :)  

Nach dem Abendessen, erzaehlten sie uns ein bisschen von ihrer Heimatstadt. Abdelaziz, der Vater, sagte: "Wir konnten kein Brot in Aleppo finden. Nur Waffen." Shamse schüttelte ihren Kopf. Während ich zuhörte, sah ich zu Diar, dem Jüngsten, rüber. Er sass in einem Eck, lauschte seinen Eltern, ruhig und in Gedanken vertieft. Ich schnappte mir seinen Sessel und zog ihn an mich heran. Er blickte mich an, lächelte und sagte: "Daesh".

Ich war so glücklich darüber dass er endlich zu mir sprach dass ich überhaupt nicht Verstand WAS er mir gerade gesagt hatte. Ich lächelte ihn auch an, für einen kurzen Augenblick, bevor es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Was er mir sagte, traf mich tief...Es brach mir das Herz dass das erste Wort dass Diar an mich gerichtet hatte "Daesh" war. Diese Erinnerung wird mich für immer antreiben das Richtige zu tun. 

Wie so oft, fuhr Mo die Familie natürlich zurück zur Pfarre. Ich war erneut online und hoffte immer noch auf eine positive Nachricht. Ich hatte tatsächlich eine neue Nachricht von Eva. Eva ist eine Freundin von Tony's Schwester Anna, welche wiederum mein Facebook Post geteilt hatte. Eva schrieb mir von dem Haus einer Freundin in Oberösterreich welches sie sehr gerne zur Verfügung stellen würde. Jedoch erwies sich der Prozess es bereitstellen zu wollen als sehr schwierig. Es gab sehr viele Optionen ausserhalb Wien's doch viele hatten geraten während der Dauer eines Antrages vor Ort zu bleiben. Ich wusste nicht ob dies auch auf die Rasoul's zutreffen würde, da Shamse einen positiven Asylbescheid hatte. Da mir auf meine Emails an Behörden diesbzüglich nicht geantwortet wurde, blieben die Rasoul's vorerst in Wien. 

Eva meinte dass falls wir bis Freitag keine Wohnung für die Rasoul's finden, sie und ihr Partner ihnen gerne ein Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung stellen würden. Ich konnte kaum glauben was ich da gerade las. Ich rufte Eva an und mein Herz raste wie das eines Hamsters im Rad. Wir sprachen eine Weile. Ich erzählte ihr über die Familie und alles was ich bis jetzt an Informationen bekommen hatte. Des weiteren versicherte ich ihr dass ich mich weiterhin um sie kümmern würde. Das einzige worum ich sie bat, war noch einmal darüber zu schlafen, noch einmal mit ihrem Partner zu sprechen und mir dann Bescheid zu geben wie lange die Rasoul's bei ihnen willkommen wären. Ich war natürlich sehr, sehr aufgeregt denn es war das erste Mal dass eine potenzielle Möglichkeit im Raum stand. Zehn Menschen gingen an diesem Abend schlafen und hofften dass am kommenden Tag sich eine Bleibe für die Rasoul's finden würde.



Im Uhrzeigersinn von oben: Tony, Mo, Mohamad, Diar und Shamse 
 

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